DIE ZEIT

Ins Schwarze

Karlheinz Stockhausen trifft größenwahnsinnig und humorvoll immer wieder auf die Zwölf. Sein Orchesterwerk "Gruppen" von 1958 ist eine Eintrittskarte in die Welt der Neuen Musik.

Von Mirko Weber

Anfang der achtziger Jahre bittet die Ecole des Beaux-Arts de Mâcon Karlheinz Stockhausen brieflich, seinen kreativen Werdegang »in 6 Linien« zu erklären. Wie immer, wenn er auch nur das leiseste Interesse an seiner Produktion und Person verspürt, antwortet der Komponist aus Kürten bei Köln originell und prompt. Er malt eine Zielscheibe, bestehend aus sechs Kreisen, rund, mit einer schwarzen Zwölf im Zentrum. Dazu schreibt er: »…seit ich mein erstes Knallkorkengewehr bekam, habe ich IMMER versucht, ins Schwarze zu treffen«. Ein echter Stockhausen: Häufig und noch heute, da er allmählich auf die achtzig zugeht, spürt man diesen leisen Größenwahn und lauteren Witz zugleich, sobald sich der Gottvater der Neuen Musik zu Wort meldet. Selbst auf dem Papier hat das seinen besonderen, unverwechselbaren Klang.

Als größten Fehler hat Stockhausen einmal bezeichnet, »immer schwanger« zu sein, was irgendwie stimmt. Gruppen aber, entstanden vor einem halben Jahrhundert als Orchesterwerk für exakt 109 Spieler, die sich in drei Formationen (und weiteren Untergruppen) aufteilen, ist ein ganz besonderes Kind geworden: Es darf immer noch als gültiges Musterbeispiel für serielle Orchesterpolyfonie gelten. Der Kollege György Kurtág bewunderte nach der Deutzer Uraufführung im März 1958 einen Tonbandmitschnitt von Gruppen dermaßen, dass er Dostojewski zitierte, der fand, dass die ganze russische Literatur aus dem Mantel von Gogol komme. Analog glaubte Kurtág eine Art Masterplan für die Musik des 20. Jahrhunderts kennengelernt zu haben.

Alle drei Orchesterteile spielen oft wie durch Fieberschübe geschüttelt in ihrem eigenen vorgegebenen Zeitmaß, und dennoch entsteht durch den wandernden Klang ein einziger Zeitraum. Theoretische Grundlage war Stockhausens epochemachender Aufsatz Wie die Zeit vergeht. Nun legte er in Gruppen praktisch dar, wie sich Tondauern systematisieren lassen – und eins wird, was klanglich bis zu diesem historischen Moment nicht zur Deckung zu bringen schien. Je länger man sich in das gut 20-minütige Stück hineindenkt, desto vielschichtiger wird es. Und wenn eine neuere Aufnahme wie die von Péter Eötvös Anklänge an Alban Berg betont, spricht das nicht gegen die Zeitlosigkeit der Partitur, sondern für ihr Zukunftspotenzial. Gruppen bleibt (auch und gerade für Uneingeweihte) eine Eintrittskarte zur Neuen Musik, aber auch ein Dauerbillett für die Szene.

Mittlerweile hat Stockhausen seinen 30-stündigen Wochenzyklus Licht beendet, dem nun tatsächlich eine Superformel zugrunde liegt, und ist bei der vierten Stunde von Klang angekommen. Das scheint Welten entfernt von 1958 und klingt dann doch manchmal ganz nah. Der Dauerhit Gruppen indes steht immer noch auf den Festspielprogrammen, Anfang September in Luzern zum Beispiel. 

Karlheinz Stockhausen: Gruppen, WDR-Symphonieorchester Köln, Ltg.: Péter Eötvös, BMC CD 117