OPERNWELT - Editorial 06.2005

Es sei ja schön, dass der neue Papst Klavier spielen könne, sagte Karlheinz Stockhausen kürzlich in einem Interview. Noch schöner wäre es freilich, wenn Benedikt XVI. «Fortschritte machen und auch meine Klavierstücke spielen würde, anstatt nur Bach und Beethoven». Das ist weniger preziös, als es klingt. Stockhausen ist ein Papst der klingenden Moderne und zugleich ein Komponist jenes messianischen Künstleranspruchs, den das 19. Jahrhundert prägte. Er mahnte völlig zu Recht zeitgemäße Sakralmusik an, die sich nicht an der Avantgarde vorbeimogelt. Und die großen Zusammenhänge zwischen Gott, der Welt und ihren Heiligen, zwischen Zeit und Raum und Klang hatte er sowieso schon immer im Blick. Oder besser: im Ohr. Mehr als ein Vierteljahrhundert arbeitete er an seinem neunundzwanzig Stunden dauernden «Licht»-Zyklus: ein Lebensabschnittswerk, das bei zahlreichen Teilaufführungen mal mit Schmäh, mal mit Schmeichelei aufgenommen, aber noch nie als Ganzes gespielt wurde. Eine Kosmologie als ultimative Herausforderung für die Institution Musiktheater? Ein Riese, der uns noch alle das Fürchten lehrt, wenn er erst einmal wachgeküsst wird? Oder doch nur das ins Gigantische gepäppelte Hirngespinst eines alt gewordenen, rheinisch-katholischen Oberlehrers? Wir haben zum «Licht»-Zyklus nicht nur den Meister selbst befragt, sondern auch Musik- und Managementpraktiker, die sich in seinem Œuvre auskennen. 


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